Gegenüberstellung der Erinnerung
"Ceci n'est pas une pipe" behauptete René Magritte 1928/29
dreist, und setzte den kurzen Satz unter das in Öl auf Leinwand gemalte
Bild einer Pfeife. Der Maler hatte ebenso Recht wie Unrecht, jedenfalls zettelte
er eine ausufernde Diskussion über unsere Wahrnehmung und deren Komplexität
an.
Nils Nova behauptet ebenfalls, er stellt in Frage, bricht auf – ordnet
im besten Falle neu und lässt die Betrachterin unter veränderten Vorzeichen
wahrnehmen.
Es ist Teil von Novas künstlerischer Strategie, den gegebenen Raum, den
musealen Kontext von Beginn an als ästhetische Komponente in die Konzeption
seiner Arbeiten mit einzubeziehen. Die intensive Auseinandersetzung mit dem
Raum prägt den kreativen Prozess wesentlich, realer wie imaginärer
Raum und die Erforschung desselben ist immer wiederkehrendes Thema in Nils Novas
Kunst. Der Künstler arbeitet in den Medien Fotografie, Malerei, Video und
Installation. Dass sich die verschiedenen Arbeitsbereiche gegenseitig bedingen,
zeigt sich insbesondere im installativen Kontext, wo das dichte und ausdifferenzierte
Beziehungsnetz, das Nova zwischen seinen einzelnen Arbeiten spannt, greifbar
wird.
Für die Ausstellung “Gegenüberstellung der Erinnerung“
in der Coalmine hat Nova den völlig leeren Ausstellungsraum fotografiert.
Die Fototapeten zeigen die vier Wände des Ausstellungsraums in der Coalmine.
An einer Stelle – in der Ecke links neben der Eingangstür –
nimmt die ausgeplotete Fototapete die Massstäblichkeit des real existierenden
Raums auf. Hier ist die Komposition an die räumlichen Dimensionen des Saals
angebunden, gleichsam geerdet. Von diesem Punkt ausgehend entwickelt Nils Nova
eine komplexe, mehrfach gebrochene Auffächerung des fotografierten Raums,
die in unsere Wahrnehmung des realen Raums eingreift. Gewählte Ausschnitte
ebenso wie die Platzierung der einzelnen Plots irritieren die Raumwahrnehmung
des Betrachters beträchtlich. Perspektivische Verschiebungen, Spiegelungen,
Verdoppelungen, Ausdehnungen und Weglassungen ebenso wie Vergrösserungen
und Verkleinerungen konstruieren einen imaginären Raum.
Besonders eindringlich werden Nils Novas Raummanipulationen in den Ecksituationen.
Die perspektivischen Linien der fotografierten Architektur treffen auf diejenigen
der realen Architektur, was die vorgefundenen räumlichen Dimensionen des
Ausstellungsraums zu erweitern, aufzulösen oder – wenn beispielsweise
eine Ecke nicht mehr als hintere Begrenzung des Raums gelesen werden kann, sondern
umgestülpt zu sein und in den Raum hinauszuragen scheint – gar umzukehren.
Zusätzlich akzentuiert wird dieses ambivalente, beinahe ins Fliessen geratene
Raumgefühl durch den Einbezug des Aussenraums sowie weiterer Innenräume,
welche sich real oder nur scheinbar hinter den Mauern befindenden. Die fotografierten
Ausblicke aus den Fenstern legen einen äusseren Raum im Innern nahe, der
Blick ins Freie wird zur Sicht nach Innen. An der Stirnseite versperrt das Abbild
den Blick in den real existierenden Raum, die Installation verändert hier
die Architektur des Ausstellungraums nicht nur auf der Ebene der Imagination,
sondern ganz konkret.
In diesem mittels Imagination und Manipulation neu geschaffenen Raum platziert
der Künstler drei weitere Arbeiten. Das Ambivalente, Fliessende, beinahe
hin und her Schwankende charakterisiert auch die Fotografie “M&N“(2005),
das Objekt “Uto-Heterotopie“(2006) und die Ölmalerei “La
mise en scène“ (2006). Verdichtet und beinahe greifbar wird die
Doppeldeutigkeit der gesamten Installation in “Uto-Heterotopie“.
Das skulpturale Objekt ordnet sich keinem der Räume, weder dem real existierenden
noch dem imaginären unter, sondern treibt das Spiel mit den widersprüchlichen
perspektivischen Ordnungen auf die Spitze. Auch der Raum der auf der spiegelnden
Fläche sichtbar wird, erweist sich als Täuschung, denn es sind nicht
der Ausstellungsraum in Winterthur oder der Betrachter selbst, die sich spiegeln.
Nils Nova erweitert mit diesem Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche
auftut, die Installation um einen weiteren imaginären Raum, gewährt
uns Zugang zu einem Ort, den wir nicht kennen, der rätselhaft bleibt. Wieder
werden Ort und Zeit in Frage gestellt, wieder werden Konstanten, die wir für
unveränderlich gehalten haben, relativiert, wieder gerät der Raum
in Bewegung.
Das Gemälde “La mise en scène“ (2006) weist auf die
Malerei als neben der Fotografie wichtigem Aspekt in Nils Novas künstlerischem
Schaffen hin. Ähnlich seinem Umgang mit der Fotografie legt der Künstler
auch im Medium der Malerei verschiedene Schichten übereinander. Wie die
installativen Arbeiten zeichnen sich auch die Gemälde durch einen ambivalenten
Charakter aus, fluktuieren zwischen den beiden weit auseinanderliegenden Fixpunkten
Gegenständlichkeit und Abstraktion. Die Hängung des Gemäldes
auf der Fototapete lässt es zum festen Bestandteil der Installation werden:
die Position des Bildes zeigt dem Betrachter einerseits die Beschaffenheit des
realen, physischen Raumes auf, gleichzeitig scheint die Fotografie auf unsere
Wahrnehmung der Masstäblichkeit des Gemäldes einzuwirken, das Bild
scheint entrückt im imaginären Raum und was letztlich seinen Charakter
als Original in Frage stellt.
Die Fotoarbeit "M&N" (2005) schliesslich öffnet einen Raum
der Erinnerung. Nur vordergründig handelt es sich um die Spiegelung einer
identischen Situation. Die zwei Protagonisten gleichen sich zwar, sind aber
nicht ein und dieselbe Person. Ähnlich wie in der Auseinandersetzung mit
dem veränderten, manipulierten Ausstellungsraum klingen auch hier Fragen
nach der Beschaffenheit der Realität an. Wer ist wer? Gibt es festgelegte
Identitäten oder findet auch hier eine Verschiebung, ein Fluktuieren zwischen
zwei Polen statt?
Mit subtilen Mitteln bewirkt Nils Nova eine Veränderung in der atmosphärischen
Wirkung des Raumes. Der Ausstellungsort wird zum imaginären Raum, zur Bühne
für den Künstler und dessen Arbeiten, gleichzeitig ebenso zum Referenzraum
für die Gedanken und Assoziationen des Betrachters. Novas komplexe installativen
Arbeiten, eigentliche Überlagerungen der verschiedenen künstlerischen
Medien, stellen die reale Dreidimensionalität des Raums in Frage und setzen
so beim Betrachter eine Kette von Assoziationen um die Themen Wirklichkeit,
Fiktion und Täuschung in Gang. Der Künstler bedient sich an den Dingen
der alltäglichen Welt, hält sich aber nicht mit dem Komponieren von
Zitaten daraus auf, sondern setzt vielmehr zur Irritation unserer Wahrnehmung
an, gar zum lustvollen Spiel mit ihr. Nils Nova gibt zwar Hinweise zur Entzifferung
der komplizierten Kodierung seiner Bilder, lässt aber letztlich offen,
ob er Magrittes Behauptung "Ceci n'est pas une pipe" folgt.
Karin Seiz, 2006